2006
03.22

Ein Potpourri aus Ideen, die Kehlmann neu gemischt hat? Ein Allerlei, dass er zu einem sprachlichen Suchbild zusammensetzte? Was genau ist Mahlers Zeit?! Der Roman aus dem Jahr 1999, den ich in der Taschenbuchausgabe von 2001 gelesen habe – er las sich wie eine Reminiszenz an den Kurzgeschichtenband Unter der Sonne; immer wieder beschlich mich dieses Gefühl. Immer wieder kamen mir gewisse Namen, Passagen, Situationen oder Wortfetzen bekannt vor. Bislang ist die Lektüre von Mahlers Zeit die gewinnbringendste gewesen; kein Kehlmann-Roman hat mich mehr überzeugt. Anders als Unter der Sonne, erhält Mahlers Zeit von mir kein durchwachsen als Etikett, sondern darf sich mit einem gut schmücken.

Wiederholungstäter

Das einzige Problem, das bei dieser Bewertung nicht unbeachtet bleiben darf, ist die Tatsache, dass sie sich nur ergibt oder ergeben kann, wenn man die Erzählungen bereits kennt. Würde man die mehr als ein halbes Dutzend Charaktere nicht kennen, man wüsste nicht, wie viele Wesenszüge Mahler von ihnen übernommen hat. Anders als ich es bei den kurzen Erzählungen, als beinahe Makel, als Produkt der Eintönigkeit interpretieren wollte, bekommt gerade die Figur Mahlers dadurch einen interessanten Reiz. Nachträglich lässt sich so vielleicht auch die Geschichtensammlung Unter der Sonne etwas aufwerten. Wenn mir irgendwann die Zeit bleibt, werde ich mich eventuell auf die Suche begeben, nach den Puzzleteilen fahnden, die Verweise aufnehmen und ihnen folgen. Vielleicht führt mich das am Ende auf eine Spur, deren Ziel ich jetzt noch nicht voraussagen kann.

Fast möchte ich sagen, möchte ich vorschlagen, dass der geneigte Leser sich die beiden Taschenbücher aus dem Suhrkamp Verlag erwirbt. Das ist jedoch jedem selbst überlassen. Mir hat diese zeitgenössische Lektüre den Blick geweitet, beim zukünftigen Lesen viel mehr noch auf intertextuelle Querverweise zu achten. Sollte Kehlmann tatsächlich Anknüpfungspunkte latent inszeniert haben, würde es den Roman interessant sein lassen; mit ein wenig mehr als knappen 150 Seiten ist der Roman zudem die bislang längste Veröffentlichung Kehlmanns, die ich gelesen habe. Anders könnte das Urteil ausfallen, wenn am Ende alles in eine Verweismanie ausartet, weil sich für Daniel Kehlmann – ich möchte es ihm nicht unterstellen – aus der Einfallslosigkeit in dieser Art der Verarbeitung, der Wiederverwertung, eine Notwendigkeit ergab.

Genie oder Wahnsinn

Zwischen den Polen von Genie und Wahnsinn ist die Figur Mahlers anzuordnen. Für einige Zeit als Geschwisterteil aufgewachsen, muss er eine traumatische Kindheitserinnerung an den Tod seiner Schwester verdrängen, die ihm trotzdem jedes Mal von Neuem unterkommt. Begabt aber absonderlich, genialisch. Im Bereich der Physik scheint ihm ein Durchbruch gelungen zu sein. Die Grundfeste der menschlichen Existenz könnten dadurch neu gezeichnet werden. Ist Mahler wirklich verrückt, oder wird er tatsächlich nicht nur von Visionen verfolgt?! Selbst der Ausgang des Buches wird dem Leser keine klare Antwort darauf geben können, nährt sogar die entstandene Hoffnung, es ließe sich doch mehr Sein als Schein darin vorfinden. Ein wenig Physik gepaart mit ein bisschen Philosophie – fertig sind die Zutaten für den Kontext der Handlung.

1 comment so far

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  1. […] einigermaßen als reflektierende Folie herhalten kann. Hätte dieser Roman nur den Umfang von z. B. Mahlers Zeit gehabt, er hätte zu viele Fragen aufgeworfen, und zu wenige Hinweise auf Antworten, er hätte den […]