01.04
Schreie brandeten auf. Staub flirtete mit den Sandalen der kreischenden Menge. Viktor hörte die Stimmen seiner Landsleute aufbranden und sie weckten seine Neugier. Der kleine Däne kraulte seine roten Löckchen und blickte mit blauen Augen hinaus in den grauen Himmel von Helsingør. Er stieg flott auf einen Holzscheit, um besser sehen zu können.
Das Haus von Viktors Eltern war ein Einfaches. Es lag im südlicheren Hafenviertel am Nordostende der Insel. So sehr er sich die Nase an dem dünnen Glas plattdrückte, er konnte nichts erkennen. Das bunte, milchige Fensterglas verzerrte die Perspektive. Noch dazu standen die vier Wände der Familie Rosenkrans nicht günstig genug, um den Weg hinauf zum Schloss Kronborg ohne weiteres zu erkennen.
Ingmar, Viktors Vater, war zur See gefahren. Die Familie bestritt ihren Lebensunterhalt mit der Fischerei, wie viele, die auf der Insel Sjælland hausten. Der König musste wieder irgendein Schauspiel zur Belustigung seiner Untertanen befohlen haben. Vater hatte davon erzählt. Doch Viktor hatte bislang nie mitgedurft. Marie und Ingmar wollten ihren Sohn nicht zu sehr verderben. Sie würden ihn nicht ewig von den manchmal kruden, manchmal grausamen Zurschaustellungen fernhalten können.
Mutter Rosenkrans war zu ihrer Schwägerin aufgebrochen, um sich von ihr noch Lebensmittel zu borgen. Weil Marie wusste, dass der Mob heute wieder zum Schloss heraufsteigen würde, hatte sie Viktor lieber daheim gelassen, ihm aber verboten das Haus zu verlassen. Ihr Junge war schon 7 Jahre alt und würde die halbe Stunde allein zu Recht kommen. Guten Gewissens hatte sie die Haustür abgesperrt und sich auf den Weg gemacht. Marie hatte aber die Neugier und den Tatendrang ihres Jungen unterschätzt. Viktor wollte sich das Spektakel ansehen. Er wollte wissen, warum die Anderen grölten und johlten. Es musste einen Grund haben, warum Erwachsene sich so verhielten, warum sie zu so vielen solch eine Stimmung verbreiteten.
Viktor schnappte sich sein Taschenmesser und schnitzte an einem Stück Holz herum. Der Großvater hatte ihm bei einem Besuch gezeigt wie man mit feinen aber doch festen Stücken Holz die Schlösser in den Türen überlisten konnte. Ole Rosenkrans war Hufschmied und beschlug die Pferde von des Königs Garde. Außerdem kannte er sich im verfertigen von Waffen gut aus; das musste er auch. Viktor war gescheit, hatte der Großvater gemeint, und mit seinen Händen konnte das rotblonde Dänenkind filigrane Arbeit anstellen.
Sein Wissensdrang ließ Viktor die Strafe vergessen, die auf ihn warten würde, wenn die Mutter seinen Ausbruch mitbekommen würde. Eine halbe Strafe, denn der Vater würde ihn kaum schelten; die Mama sagte immer, er wäre ganz der Papa: „Der Lausbub in ihm“, hatte sie immer mal wieder gesagt, „den hat er von dir. Du warst ganz genauso, Ingmar.“ Nicht lange, und Viktor hatte das Schloss geknackt. Vorsichtig öffnete er die Tür und spingste um die Ecke. Er nahm seine Füße in die Hände und spurtete den Weg zum Schloss herauf. Die Meute war bereits fast nicht mehr zu vernehmen. Sie waren wohl alle im Schlosshof versammelt. Bald würde er wissen warum.
***
Viktor verschnaufte kaum, als er am Schloss angekommen war. Er hatte sogar noch einige Alte überholt bei seinem Lauf. Der Schlosshof war gerappelt voll. Kronborg war ein kleines Schloss, doch die Gemeinde Helsingør war es ebenso. Viktor drängelte sich durch den keifenden Mob. Es roch nach Schweiß und Alkohol. Die Großen beachteten den Siebenjährigen kaum. Er hatte endlich eine provisorische Absperrung erreicht und blickte auf den Rock der Königseskorte vor ihm. In der Scheide, die die Wache um den Bauch trug, steckte ein glänzendes Schwert. Viktor hatte solche bei seinem Großvater in der Schmiede schon gesehen und es beeindruckte ihn darum nicht mehr so sehr. Sein Blick streifte an der Wache vorbei: Er sah wie sie eine junge Frau die letzten Stufen auf ein Podest trugen. Man band sie an einer Stange fest, darunter fanden sich dünne Holzscheite, die man zusammengestellt hatte, Reisig und allerhand anderes Material, das man bei Rosenkrans daheim auch schon zum Heizen benutzt hatte. Viktor wusste nicht, was gleich geschehen würde.
Der Mob heizte sich auf. Zwischen den gellenden Wogen war die junge Frau ihrer Hinrichtung entgegen getragen worden. Friedrich II. hatte das Dekret erst vor Wochen erlassen. Nun brachten sie seither immer wieder Jungfrauen auf den Platz vor der Kronborg. Ein einziger grüner Fetzen kleidete das Mädchen. Er hing an ihrem zerschundenen Leib herab. Die Aufseher im Kerker hatten sich an ihr vergangen, ein ums andere Mal. Eine perfide Angelegenheit. Das Urteil, das man über die junge Frau gefällt hatte, es lud sie zu ihren Schandtaten ein. Die Dirne hatte ihren Körper verkauft. Doch das neuerliche Dekret des Königs sah nun vor, dass Huren in Helsingør und auf der Insel Sjælland nicht gewollt waren. Viktor wusste von alldem nichts. Ihn erinnerte das Mädchen, das man an den Pfahl gebunden hatte, an eine Cousine. Er blickte gespannt zu ihr herauf. Sie schien ohnmächtig. Zumindest hing ihr Blick glasig über der Menge, und sie wirkte apathisch.
Einige Wochen hatte man sie im Kerker eingesperrt. In vielen Nächten verstummten ihre Schreie ungehört und niemand trocknete ihre Tränen. Die Not hatte sie zu dem gemacht, was sie war. Und die Willkür des Königs tauschte ebenjene Not durch ein Elend, dem sie nicht mehr entrinnen konnte. Anfänglich empfand sie Abscheu, doch je häufiger man sie zum Beischlaf zwang, desto lethargischer wurde sie. Man brach sie. Ihr emotionaler Widerstand, ihre Wut, ihr Hass – sie merkte, dass sie sich nur selbst um ihre Kräfte brachte. Sie zog einen Kreis um ihr Innerstes und ließ alles andere beiseite. Nicht Würde, nicht Stolz – keine künstlichen Werte sollten sie fortan belasten. Sie fühlte nichts mehr und wurde zum Geist. Ein Geist einer einstmals hübschen, sinnlichen und attraktiven Frau.
Dieselben Männer, die sie vorhin dort festgemacht hatten, fingen nun an, die Scheite unter ihr in Flammen zu setzen. Viktor begriff den Ernst der Lage noch nicht, bis ihn ein markerschütternder Schrei erreichte. Der Geist dieser jungen Frau, gefesselt von ihren Peinigern, schritt unaufhaltsam dem Feuertod entgegen. Die Flammen hatten erst eine Wärme erreichen müssen, die ihre Haut brennen ließ. Ihr langes Haar war zuerst im Bruchteil von Sekunden versengt. Nun füllte sie mit ihrer Stimme den ganzen Hof. Viktor erschrak. Er hatte das Gefühl als würde das Kreischen der Frau ganz Sjælland ausfüllen. Er blickte die ganze Zeit an ihr herauf und sah mit an, wie ihr Körper von den Flammen eingehüllt wurde und wie sie hinter einer Wand aus Feuer zu verschwinden drohte. Irgendwann schlug die junge Dänin die Augen auf und blickte in die Menge. Sie schrie noch immer. Ihre Blicke trafen jeden einzelnen der Schaulustigen. Einige der abergläubigen Alten schüttelten sich und liefen davon. Man fürchtete verflucht zu sein, und würde noch Wochen danach darüber diskutieren.
Schließlich fanden ihre Augen den kleinen Rosenkrans. Viktor wurde stumm. Er sah in diese verheißungsvollen Augen. Hinter dem lodernden Feuer wurde es still. Als sich ihre Blicke trafen, schrie die junge Frau nicht mehr. Sie hatte in eine Seele geblickt, in Viktors Seele, und ihren Frieden gefunden. Es schien als hätte sie ein letztes Mal den Mund zu einem Lächeln verzogen. Im gleichen Augenblick kullerten stimmlose Tränen an Viktors Wangen herunter.
Alexander Bernhard Trust, zuletzt aktualisiert 2008 [PDF]
No Comment.
Add Your Comment